Die Sprache des Waldes


Mich begeistert und fasziniert schon seit meiner Kindheit die Vielfältigkeit des Tierverhaltens: Ich habe Naturdokumentation und Forschungsberichte im Fernsehen verschlungen, war aber auch mit dem Fernglas unterwegs, um Greifvögel und andere Tiere in ihrer Umgebung zu beobachten. Erst die Beschäftigung mit dem Wissen der indigenen Völker über die Wildnisschulen hat mir die Türen zu ganzheitlicher Beobachtung und neuem Erleben der Natur geschenkt: Spuren lesen, Vögeln lauschen, Tierverhalten deuten, Pflanzen verstehen, der Intuition vertrauen – am Ende wurde alles eins und ich durfte erfahren, wie es ist sich durch die Natur zu bewegen ohne zu stören.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Für indigene Völker, Menschen, die in  einsamen Regionen alleine und von „wilden“ Tieren und Pflanzen leben, sind diese Kenntnisse und Methoden überlebenswichtig. Sie müssen wissen wo sich gefährliche Tiere befinden, ob die Beeren im Tal schon reif sind und ob das Wasser aus dem Bach trinkbar ist. Zivilisierte Menschen können auf diesem Weg Tiere beobachten, die sie sonst niemals sehen würden, die eigenen Störungen beim Aufenthalt in der Natur minimieren, ökologische Zusammenhänge verstehen,  den eigenen Platz im Leben finden und ….glücklich sein.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Aber beginnen wir in diesem kurzen Abriss von vorn: Spuren lesen. Nimmt man sich einmal ein typisches Buch zum Thema zur Hand, stößt man meist auf Darstellungen von Trittsiegeln (Fußabdrücken) unterschiedlicher Tiere, die sich dann aber beim Spaziergang im Wald nicht wiederfinden lassen: Entweder ist der Untergrund nicht so beschaffen, dass sich die Abdrücke deutlich abbilden, oder es ist das falsche Wetter und alles ist verwaschen oder die Tiere laufen offensichtlich und blöderweise irgendwo anders herum. Rehabrücke sehen leider im Laubwald anders aus als in den Büchern abgebildet, in trockener Heide ist es wieder anders. Ist es möglich dort die Spuren zu sehen? Ist das schwierig? Kann ich das auch? Ja, jein, ja. Es gibt Menschen, die können Mäusespuren im trockenen Heidekraut folgen, es geht weit mehr du glaubst. Jeder kann es lernen und schwer ist es eigentlich nicht, aber du brauchst eine Menge inneres Feuer: Enthusiasmus, Freude am draußen sein, unstillbare Neugier, keine Angst dich dreckig zu machen  und am besten kompetente Wegbegleiter, bestenfalls auch Freunde oder Gleichgesinnte, die mit dir lernen wollen.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Spuren sind weit mehr als nur Fußabdrücke:

In einem Wolfseminar haben wir einmal eine einjährige kleine Kirsche gefunden, die in einer Sanddüne wuchs, daneben eine kleine Reihe Kirschkerne. Vermutlich eine alte Fuchslosung. Füchse fressen im Herbst Wildkirschen, der Fuchswechsel ging dort immer noch lang und es wurde fleißig markiert.

 

Junge Waldkäuze müssen, wenn sie heranwachsen, die enge Höhle verlassen und auf einen passenden Baum klettern, der ihnen Deckung bietet. Sie klettern mit ihren Krallen, den Schwanzfedern und dem Schnabel. Die Schnabelabdrücke der Klettertour habe ich im Fichtenstamm gefunden.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Ein Wolfsforscher suchte in Kanada mit einem Stammeshäuptling der dortigen Natives Wolfshöhlen. Dieser wies irgendwann zu einer kleinen Fichtengruppe. Als der Forscher auch nach langem Suchen mit dem Fernglas nichts fand, wurde ihm von seinem Führer ein Singvogel gezeigt, der sein Nest gerade mit dem Flaum von Wolfswelpen polsterte. Da diese Singvögel keinen großen Aktionsradius hatten, war der Hinweis klar und die Höhle bald gefunden.

 

Du kannst an Wolfslosungen erkennen, welche Beutetiere gerade vorwiegend gejagt werden, an Dachswechseln, wie weit es zur nächsten Dachsburg ist und ob die Dachse schon lange dort lang laufen.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Rupfungen, also Federhaufen von getöteten Vögeln, sagen dir nicht nur, welcher Vogel erbeutet wurde, sondern geben dir auch Hinweise, wer der Jäger war, wer noch die Stelle besuchte und wie lange das Geschehen zurückliegt.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Selten ist es so, dass ein Blick reicht und du alle Geschichten, die sich zugetragen haben direkt klar erkennst. Vielleicht sammelst du nur Indizien und diskutierst lange Zeit mit anderen, kommst am Ende zu keinem klaren Schluss, welches Tier hier was wann warum gemacht hat. Aber diese Diskussion, das Finden immer neuer Zeichen und das Entdecken neuer Sichtweisen kann sehr inspirierend und lehrreich sein.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Die Vogelsprache ist viel mehr, als nur zu wissen, wie der Gesang des Rotkehlchens oder der Bettelruf der Blaumeisen klingt. Ein spannendes Feld sind die Alarmrufe. Diese sind sehr spezifisch und können dir nicht nur sagen ob gerade friedliche Stimmung herrscht oder sich ein Beutegreifer nähert: Sie geben auch Hinweise darauf welcher Jäger es ist und was er gerade tut. Man unterscheidet grundsätzlich in Boden und Luftalarm, dann kommt es auf die Intensität der Rufe, deren Frequenz, die Höhe, die Bewegung des Alarmrufes, die Körpersprache der Tiere, mitwarnende Vögel und dein Wissen über die Natur in der Region an, um zu einer Deutung zu kommen. Wer einmal bewusst erlebt hat, wie sich der Jagdflug eines Sperbers in der Singvogelwelt anhört, wird diesen wertvollen Zugang zum Naturverständnis nie wieder vergessen.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

 

Erfahrene Vogelkundler suchen in der passenden Region sofort den Himmel nach einem Seeadler ab, wenn plötzlich eine Schar von Wasservögeln auffliegt.

 

Foto B. Franzke
Foto B. Franzke

Wer sich mit der Vogelsprache schon beschäftigt hat und weiter gehen will, sollte einmal darauf achten, wie sich Rufe von Amphibien oder das Zirpen von Heuschrecken ändert, wenn eine Gefahr wahrgenommen wird. Verhaltensänderungen von Tieren, die ihre Harmonietätigkeiten, wie fressen, ruhen oder putzen unterbrechen, können auch Alarmanzeiger sein.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Rehe haben einen eigenen Rhythmus aus äsen und sichern, sie richten sich immer wieder kurz auf schauen nach Bewegungen und wittern. Ändert sich dieser Rhythmus, stehen sie still und wittern länger in eine Richtung, kann das ein Hinweis auf eine Gefahr sein.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Feldhasen ducken sich gerne in Kuhlen (Sassen) und warten dort, bis eine drohende Gefahr vorüber ist. Erst im letzen Moment fliehen sie hakenschlagend. Siehst du einen solch wegschnellenden Hasen, kannst du mit etwas Glück den Jäger entdecken, suchst du die Gegend ab, in der der Hase gestartet ist.

 

Foto Bärbel Franzke
Foto Bärbel Franzke

Du solltest dir jederzeit bewusst sein, dass wir mit unserer Wahrnehmungsfähigkeiten und unserem Wissen nur an der Oberfläche kratzen. Krähenvögel sprechen mit über 250 Vokabeln miteinander, haben eine allgemeingültige Sprache und einen Familiendialekt, Krähenforscher haben diese Sprache noch nicht entschlüsselt. In der Natur läuft Kommunikation über Pilzgeflechte im Boden, über pflanzliche und tierische Duftstoffe, akustische Signale, Farben und Körpersprache. Und es gibt weit mehr Lebewesen um uns herum, als wir auf den ersten Blick wahrnehmen. In einer Handvoll intaktem Waldboden verbirg sich eine große Artenvielfalt, Tiere und Organsimen, die mit bloßem Auge schwer oder gar nicht zu sehen sind. Häufig genug auch Arten, die der Wissenschaft noch nicht bekannt sind. Alle diese Lebewesen haben ökologische Wechselbeziehungen und Regelkreise, die sie mit dem umgebenden Leben verbindet, sicherlich auch mit teils noch unentdeckten Kommunikationssystemen.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Darüber hinaus mag es für den einen oder anderen merkwürdig oder esoterisch wirken wenn ich schreibe, dass ich neben den beschriebenen Kommunikationswegen auch mentalen Austausch für absolut real halte. Wir können mit Pflanzen und Tieren geistig kommunizieren, für indigene Kulturen ist das alles andere als neu oder sensationell. Ich möchte das an dieser Stelle nicht vertiefen, niemand muss es glauben, aber jeder kann es selbst ausprobieren, wie es funktioniert und was es ihm oder ihr bringt.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Übrigens geht es bei der Sprache des Waldes nicht nur darum, was du von der Natur wahrnimmst oder verstehst, sondern auch darum, was du nach außen sendest. Stell dir vor du stehst alleine in Kanada an einem Berghang und siehst im Fluss einen großen Bären. Ist er weit entfernt und versucht Lachse zu fangen, fühlst du dich vielleicht sicher und kannst die Szene genießen. Verlässt er den Fluss und kommt in deine Richtung, beobachtest du ihn vielleicht schon etwas besorgter. Kommt er näher, registriert deine Anwesenheit und nähert sich, fixiert dich mit seinem Blick (ok sie können nicht gut gucken), beginnst du dich vielleicht zu fürchten und schaust nach einem Fluchtweg.

 

Ich will jetzt nicht über das optimale Verhalten bei einer Bärenbegegnung referieren, sondern darauf hinaus, dass die meisten Lebewesen ein System von gefühlten Kreisen um sich herum haben, das abhängig von der Entfernung eine Aussage darüber trifft, wann welche Aktion angemessen ist. Ein jagender Tiger ist gefährlicher als ein grasendes Reh, vielleicht bist du vorsichtiger, wenn du ein kleines Kind dabei hast, als wenn du alleine bist, weitere Entfernungen scheinen eher sicherer als kurze Distanzen. Die Reaktion eines Tieres auf eine potenzielle Bedrohung hängt also von der Art, der Größe, dem Alter, der Tätigkeit, der Körpersprache, der Entfernung, dem Gelände, der eigenen Situation und anderen Faktoren ab. Wichtig ist hier vor allem, dass du dir bewusst machst, dass du die Kreise vieler Tiere betrittst, wenn du in den Wald hinein gehst.

 

Foto A. Gehrke
Foto A. Gehrke

Also kannst du am Ende wieder durch Körpersprache, Geschwindigkeit, Lautstärke, die Wegwahl und auch deine innere Stimmung und Grundhaltung zeigen, dass du im Frieden kommst und wirst weniger Störungen hervorrufen. Wie das geht, dazu vielleicht später mehr, in guten Wildnisschulen kannst du es lernen. Ich hoffe der Text macht deutlich, in welchen Richtungen es noch eine ganze Menge zu entdecken gibt. Gute Reise!