Die Sprache der Natur: Vogelsprache


Ein Gespräch mit Ralph Müller

Ralph Müller ist Wildnislehrer, Falkner, Jäger und glühender Ornithologe seit über 40 Jahren. Schon als Junge begann er sich an Forschungen zu beteiligen und arbeitete im Naturschutz, immer angetrieben davon, alle Vögel kennenzulernen. Vogelstimmen zu erkennen, zu spüren, zu verstehen und imitieren zu können war und ist wesentlicher Teil dieser Passion. Als Autor des Buches „Die geheime Sprache der Vögel“ und „Raus in die Wildnis“, sowie einiger Lehr-CDs und –DVDs gilt er als eine der Kapazitäten für Vogelsprache im deutschsprachigen Raum, lehrt in seiner eigenen Wildnisschule oder als Gastdozent.

 

Ralph, wenn Menschen mit dem Thema Vogelsprache konfrontiert werden, reichen die Reaktionen von Begeisterung über die Schönheit der Gesänge, über rollende Augen wegen des Lärms am Morgen, bis hin zur Frustration, weil „kein Mensch sich diese ganzen Stimmen merken kann.“ Was bedeutet das Thema für dich?

 

Das Thema Vögel ist sehr groß und geht weit über die Bestimmung der Arten hinaus. Was wir heute mit Vogelkunde verbinden ist hauptsächlich Artenkenntnis. Viele Ornithologen gehen mit ihren Ferngläsern raus und suchen neue Vögel, haken sie auf ihrer Liste ab, beobachten und suchen den nächsten Vogel. Vogelsprache hat einen anderen Ansatz: Schon dem Wort Vogelsprache kann entnommen werden, dass Vögel auf ihre Art sprechen. Vögel kommunizieren über ihre Stimmen, aber auch auf einer feinstofflichen Ebene, auch ihre Verhaltensweisen gehören dazu. Sie warnen einander, halten bei der Nahrungssuche Kontakt und drücken ihr Befinden aus. Diese Welt ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln.

 

 

Wie hast du dir diese Aspekte der Naturwahrnehmung erschlossen?

 

Viele Zusammenhänge habe ich über viele Jahre der Beschäftigung mit Vögeln selbst herausbekommen, natürlich hat auch der Austausch mit anderen Ornithologen geholfen. Das entscheidende Puzzlestück kam dann aber von Jon Young, dem ersten Schüler von Tom Brown Jr.. Jon berichtete, dass die Sprache der Vögel sehr tief geht, universell verstanden wird und dass alle indigenen Völker der Erde sie benutzen. Sie haben über das Verständnis der Tierkommunikation größeren Jagderfolg, können sich orientieren, finden Wasser und können Gefahren vorhersehen, was bis hin zu Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis gehen kann. Am Ende führt es zu ganzheitlichem Denken in der Natur. Ich entdecke fortlaufend Neues in diesem Bereich, das Lernen hört nie auf.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Warnrufe haben in der Vogelsprache einen besonderen Stellenwert?

 

Sie sind vor allem sicherlich auffällig. Ornithologen, die lange Jahre in der Natur unterwegs sind, kommen damit in Kontakt. Sie beobachten einen Finkenschwarm, der plötzlich auffliegt, ein paar Sekunden später kommt der Sperber. Wenn sie aufmerksam sind, ziehen sie die Verbindung und lernen die entsprechenden Warnrufe Rufe kennen, die zu hören waren bevor der Sperber erschien. Es sind nicht nur Lautäußerungen, sondern auch Körpersprache  und Verhaltensweisen der Vögel, die uns Hinweise auf Jäger wie Greifvögel, Eulen oder Füchse geben. Nicht immer sind jagende Tiere die Auslöser, sondern es kann alles sein, was sie stört: Schlagende Autotüren, Jogger oder ein Spaziergänger mit Hund. Warnrufe sind für ein geübtes Ohr recht leicht und über weite Distanzen wahrnehmbar. Es gibt aber auch zahlreiche andere Hinweise auf jagende Tiere: Verstummen, Stille, gereckte Hälse, zuckende Flügel, das Unterbrechen von Harmonietätigkeiten wie Fressen, Putzen oder Baden und Vieles mehr. Ein fressender Vogel am Boden, der auf eine erhöhte Sitzwarte fliegt und in eine Richtung späht, kann ein Alarmzeichen für andere sein. Ranger in Afrika lernen die Zeichen der Vögel und Säugetiere zu lesen um gefährlichen Tieren aus dem Wege zu können. Ebenso wissen einige Menschen in Indien so wo der Tiger sich befindet.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Wie zuverlässig ist es, dass Warnrufe kommen, wenn ein Jäger in der Nähe ist?

 

Warnungen hängen zunächst einmal von den beteiligten Tierarten ab: Wenn ein Turmfalke vorbeifliegt, der zu 90% Mäuse frisst, macht die Blaumeise tzsi tzsi, gerät aber nicht großartig in Aufregung. Sie kennt nicht nur Turmfalken als Tierart, sondern diesen einen Turmfalken genau, weil mit ihm den Lebensraum teilt. So weiß sie, dass er überwiegend Mäuse frisst. Kommt ein Mäusebussard vorbei, der normalerweise kein Vogeljäger ist, schon gar nicht Kleinvögel fängt und auch nicht ins Gebüsch passt, ruft die Meise gar nicht. Kommt aber der jagende Sperber, der fast ausschließlich Kleinvögel fängt, ist Panik und Alarm angesagt.

 

Neben den beteiligten Tierarten spielt auch die Jahreszeit eine wichtige Rolle: Zur Brutzeit sind die Vögel besorgt um die Brut, im Herbst sieht das schon anders aus, dann sind Warnrufe eher spärlicher und häufig weniger intensiv, weil keine schutzlosen und flugunfähigen Jungvögel mehr im Nest sitzen. In der Brutzeit verfolgt die Amsel den Eichelhäher wütend, im Winter sitzen sie friedlich nebeneinander auf dem Baum Am Ende ist auch das Individuum wichtig, wenn es darum geht, wann gewarnt wird und wann nicht.

 

Es gibt ängstliche und vorwitzige Vögel, stimmgewaltige und ruffaule. Ist die Vogelsprache zuverlässig? Insofern, dass du durch sie lernen kannst, wie vielfältig die Natur und damit auch ihre Kommunikation ist. Sie liefert dir oft, aber nicht immer die Warnrufe, die du erwartest – und häufig zeigt sie dir etwas, dass du nicht erwartest: Den Kauz in der Fichte oder das Mauswiesel im Gras.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Von Vertretern indigener Kulturen wissen wir, dass Menschen durch Körpersprache, innere Haltung und ihre langsame Fortbewegung das Warnverhalten der Vögel beeinflussen können. Gibt es ähnliches Verhalten bei jagenden Tieren?

 

Jein. Vögel sind überall, es ist schwer denen auszuweichen. Dennoch haben Füchse und Wölfe in ihrem Wesen und ihrem Verhalten vieles, das ihnen bei der Jagd dabei hilft nicht aufzufallen. Sie sind sehr gut getarnt, können sich auflösen im Gelände. Die Fellschattierungen sorgen dafür, dass diese Tarnung auch bei verschiedenen Lichtverhältnissen funktioniert. Ihre fließenden Bewegungen sind sehr gleichmäßig und passen sich gut in die Landschaft ein. Zudem sind sie mit hervorragenden Sinnen ausgestattet: Wölfe können sehr gut riechen, sehen und hören: Beste Voraussetzungen, um andere Tiere wahrzunehmen, bevor diese die Wölfe sehen. 

 

Der Luchs macht sehr langsame Bewegungen, manche Vögel nehmen das nicht wahr. Er ist ein Deckungsjäger, der gut getarnt geduldig und bewegungslos auf einen günstigen Augenblick wartet und dann mit einem Sprung oder einem kurzen Sprint das Reh überrascht. Neben den langsamen Bewegungen des Luchses, spielt auch Schnelligkeit eine wichtige Rolle. Ist die Distanz zur Beute klein und die Geschwindigkeit des Jägers hoch genug, hilft dem Beutetier auch kein Warnruf mehr. Ein jagender Reiher zeigt sehr schön diesen Wechsel von sehr langsamen Bewegungen, bewegungslosem Verharren und blitzschnellem Zustoßen.

 

Natürlich werden auch potenzielle Beutetiere genau beobachtet, genau wie wir es tun, wenn wir versuchen uns an Gänse anzupirschen. Wir schwingen uns auf die Gänse ein, schlagen einen großen Bogen und beobachten die „Wächtergänse“, die auf einmal angespannt sind, einen langen Hals machen und ihr Gefieder einziehen.

 

Vor allem kenne ich bei Sperber und Habicht aber das, was ich den Vergessenheitszauber nenne. Sperber oder Habichte sind Vogeljäger, die mit den deutlichsten Luftalarmrufen der Singvögel angezeigt werden. Sie nutzen bei ihren Jagdflügen die Deckung des Waldes, von Büschen, Gräben oder Hecken, um sich der Beute zu nähern. Der Habicht fliegt in einen Baum, auf einen etwas getarnten Platz, kümmert sich nicht um die Warnrufe und bleibt einfach sitzen. Irgendwann ebben die Warnrufe ab und die Vögel haben vergessen, dass der Habicht dort sitzt. Dann folgt der Angriff.

 

Unsere Vorfahren haben dies alles von den Tieren gelernt: Sie wussten wie sie sich fließend, langsam und geräuscharm durch die Natur bewegen mussten, mit entspannter Körperhaltung und hängenden Armen, so dass am Ende nichts mehr an menschliche Bewegungsmuster erinnert. Bleibt man lang genug still an einer günstigen Stelle, kommen langsam die Tiere zurück, auch hier kann der Vergessenheitszauber wirken.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Was hast du beobachtet, wie reagieren andere Tiere auf Vogelsprache?

 

Vogelsprache ist ein Teil der Tiersprache. Alle Tiere haben eine Sprache und achten aufeinander, wenn die Sprache auf Bedrohung hinweist. Wenn der Fuchs wegläuft, schaut die Ringeltaube. Die Vogelsprache und das Verhalten der restlichen Tiere sind eins. Allgemein lernt ein Tier das, was für es wichtig ist, sonst überlebt es nicht. Das geschieht natürlich auch über Artgrenzen hinweg: Eichhörnchen, Hasen oder Rehe kennen die Warnrufe der Häher und Elstern. Das Wissen haben alle Lebewesen, alle leben auf der gleichen Erde.

 

Eine schöne Geschichte gibt es von einem Falkner, der einen Falken gemeinsam mit einem Stöberhund ausgebildet hat. Die sind also zusammen aufgewachsen und sahen sich als Jagdpartner, wussten wie der andere tickt und wie seine Stimmfarbe war. Der Hund wusste, dass er die zweite Geige spielte, der Jagdführer war der Falke, auf ihn zielte auch hauptsächlich die Aufmerksamkeit des Hundes. Der Falke flog hoch in die Luft, der Hund scheuchte Fasane auf, die der Falke dann jagte. Als der Hund mal nicht sonderlich motiviert war, hat der Falke dies an der Körpersprache erkannt, flog herunter und packte ihn am Hinterteil, das wirkte. Interessant ist hier die Kooperation, das Verstehen und die Interaktion der verschiedenen Arten Falke, Mensch und Hund, die am Ende eine harmonische Gemeinschaft mit unterschiedlichen Rollen bilden.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Wie reagieren Vögel auf die Laute anderer Tiere?

 

Auch hier ist das Spektrum natürlich groß. Graureiher werden innehalten und keine Wellen mehr verursachen, wenn die Frösche aufhören zu quaken. Sie warten dann bis die Frösche zurückkehren. Alle Tiere versuchen das Wesentliche einer anderen Art zu lernen, in diesem Fall ist der jagende Reiher am erfolgreichsten, der auf Harmoniestimmung bei den Fröschen wartet.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

Ich kenne selbst einige Greifvogelhorste, in denen Singvögel quasi im Untergeschoss als Untermieter brüten, ohne Warnrufe, anscheinend auch ohne Angriffe des Hausbesitzers.

 

Es gibt viele solche Beispiele: Sperlinge im Adlerhorst aber auch Hohltauben im Fuchsbau, die wissen voneinander, es gibt anscheinende irgendeine Form von Verabredung, dass man sich in Ruhe lässt. Elstern wissen, dass sie sich dem Habichthorst nicht nähern dürfen und wenn, dann kennen sie die Wege, die sie einhalten müssen um nicht gefangen zu werden.

 

Schneegänse nutzen im Norden Sibiriens den Schutz der Gerfalken. Dieser ist Bodenbrüter und jagt auch Gänse. Die Schneegänse brüten nun um den Gerfalken herum. Das ist keineswegs selbstmörderisch, da es noch einen dritten Akteur gibt, den Polarfuchs. Wenn der in die Gänsekolonie kommt, tötet er die meisten Jungtiere, die gesamte Brut ist in Gefahr. Der Gerfalke mag den Fuchs ebenso wenig wie die Gänse und greift diesen an, sobald er in die Nähe kommt und hält ihn so von der Gänsekolonie fern. Ab und zu holt er sich auch mal eine junge Gans, das ist aber offensichtlich für die Gänse zu verschmerzen. Ein Blick zurück auf die Singvogelbruten in Greifvogelhorsten: Das könnte ebenso damit zu tun haben, dass sie dort einen guten Schutz vor Sperbern und Rabenvögeln genießen, die die Nähe des Habichtes meiden. Genau weiß das aber niemand.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Kennst du Kooperation von Vögeln über Artgrenzen hinweg? Man kennt beispielsweise in der Vogelsprache die Formation „Glocke“, in der verschiedene Vögel von oben auf einen im Baum sitzenden Greifvogel herabstoßen.

 

Ich glaube nicht, dass das kooperativ, also in irgendeiner Form abgesprochen erfolgt. Jeder Vogel erkennt, vielleicht auch am Verhalten der anderen Vögel, die Gefahr im Baum und macht dann das was er am besten kann. Die Rabenkrähe verfolgt den Habicht im Luftraum, folgt ihm aber nicht ins Dickicht der Baumkrone, die Misteldrosseln fliegen aber dort hinein und spritzen mit Kot. Diese Verhaltensweisen sind sehr alt, du kannst es archaisch nennen.

 

 

So etwas wie die Geschichte von den Singschwänen und dem Seeadler, die du in deinem Buch beschreibst?

 

Ja. Ein Seeadler flog sehr flach auf einem Rapsfeld auf eine Gruppe Singschwäne mit Jungtieren zu. Die Wächterschwäne riefen erst warnend, als es für eine Flucht schon zu spät war. Die Schwäne schlossen sich schnell zu einem Kreis zusammen, die Jungschwäne in der Mitte und bildeten eine Front wie eine Wand gegen den anfliegenden Adler. Für ihn wäre es eine Gefahr vor diese Wand zu fliegen, weil selbst nach erfolgreicher Jagd die anderen Schwäne über ihn herfallen könnten oder er allein durch den Aufprall zu Schaden kommt. Ein Schlag mit einem Schwanflügel kann Knochen brechen. Der Adler war alt und erfahren und bremste seinen Flug nicht ab, bekräftigte so seine Entschlossenheit. Die Schwäne bewahrten die Nerven breiteten ihre Flügel aus, reckten die Hälse in die Höhe und trompeteten. Eine Nervenprobe – wer lenkt zuerst ein? Erst im letzten Augenblick dreht der Seeadler erfolglos ab. Auch dieses Verhalten der Singschwäne hat etwas archaisches: Sie erkannten und beurteilten in Sekundenbruchteilen die Situation, auch dass es sich um einen erfahrenen Adler handelte und fällten gleichzeitig eine gemeinsame Entscheidung um ihre Jungen zu schützen.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Wie ist das mit den Rabenvögeln, sie stehen im Ruf eine Art Wächterfunktion in der Natur zu haben?

 

Es gibt eine schöne Geschichte über Raben und Seeadler. Naturfotografen wollten Seeadler fotografieren, hatten ein Wildschwein ausgelegt. Als sie erfolglos blieben, sagte der Förster ihnen: „Ihr dürft die Raben nicht vergessen!“ Wenn sie einen Wagen in den Wald fahren sehen und dieser fährt nicht wieder heraus, werden sie misstrauisch. Wie dann die Kommunikation mit den Seeadlern genau erfolgt weiß ich nicht, diese wissen dann aber, dass etwas nicht in Ordnung ist und bleiben dem Kadaver fern. Auf Anraten des Försters wird ein Schauspiel aufgeführt: Mehrfach hält das Auto an und die Insassen zeigen sich deutlich, beobachtet von den Raben. Im Wald dann zwei kurze Stopps, bei denen sich die Fotografen schnell aus dem Wagen rollen. Nach einiger Zeit verlässt der Wagen wieder das Gebiet, die Fotografen schleichen sich in ihre Tarnverstecke. Die Seeadler gehen am Ende erst an das Wildschwein, nachdem die Raben etwas davon gefressen haben und sie zusätzlich noch ein wenig gewartet haben. Vielleicht, weil sie auch Erfahrungen mit vergifteten Ködern gemacht haben.

 

Eine andere Geschichte berichtet von ein paar Weißen, die lernen wollten, wie Native mit primitiven Bögen Kaninchen jagen. Sie stapften relativ unvorsichtig vorneweg, so kam es dass ein Häher rief. Die Nativen stoppten und sagten den verständnislos fragenden Weißen, dass es die nächste Stunde sinnlos wäre, weil die Kaninchen jetzt wissen, dass Gefahr droht.

Foto: Ralph Müller
Foto: Ralph Müller

 

Diese Floskel vom lebenslangen Lernen ist wohl hier sehr treffend!

 

Ja, ich beschäftige mich nun schon viele Jahre mit der Vogelsprache und kriege eine ganze Menge mit, aber auch ich lerne ständig dazu, werde immer wieder aufs Neue überrascht. Es findet viel Kommunikation statt, die wir gar nicht bemerken. Von 100% Vogelalarm nehme ich vielleicht 50% wahr und identifiziere bei 20% den Auslöser des Alarms. Du musst dir auch immer klar machen, dass du es mit Individuen und sozialen Tiergruppierungen zu tun hast, die unterschiedlich auf verschiedene Situationen reagieren.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Wie intelligent sind Vögel? Die Leistungen einiger Rabenvögel sind ziemlich bekannt, wie sieht es mit der restlichen Vogelwelt aus?

 

Intelligenz in diesem Zusammenhang würde ich so definieren, dass ich Erfahrungswissen auf die Zukunft anwenden kann, also Lösungsstrategien für Probleme ableite. Das könnte bedeuten, dass ich beispielsweise Gefahrensituationen an neuen Orten meide, die ich von anderen vergleichbaren Orten her kenne. So etwas können viele Vögel in verschiedener Ausprägung. Intelligenz, also die Anwendung des Erfahrungswissens, hat auch mit dem Alter zu tun.  Ältere Vögel hatten mehr Zeit zu lernen, auch Gelerntes weiterzugeben. Viele Vögel sterben bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr. Beispiele für intelligentes Vogel-Verhalten gibt es viele.

 

Bei Wanderfalken gibt es kooperierende Jagdstrategien, etwas Ähnliches findet sich auch bei Lannerfalken. Ein Falke verfolgt einen Vogel und hindert ihn immer wieder daran zur Seite auszubrechen, treibt ihn auf ein Waldstück zu, wo der andere Falke schon wartet.

 

Es gibt viele derartige Beispiele: Ein Steinadler kreist über einer Murmeltierkolonie, genau in der richtigen Höhe. So niedrig, dass es bedrohlich genug ist um die Aufmerksamkeit nach oben zu lenken, aber hoch genug, dass die Murmeltiere draußen bleiben und nicht in den Höhlen verschwinden. Der zweite Adler kommt nun flach über dem Boden auf die Kolonie zugeflogen, wie ein Habicht die Bodendeckung ausnutzend und hofft darauf, dass die Wächter-Murmeltiere nach oben schauen.

 

Es wurde das Warnverhalten von Alpendohlen untersucht. Eine Dohle kam erst immer zum Schluss zum Fressen, musste das nehmen was übrig blieb, war offensichtlich weit unten in der Rangfolge. Sie imitierte den Warnruf des Steinadlers, verscheuchte damit die anderen Dohlen und holte sich die Brotkrumen.

 

Ich war einmal bei einem Falkner, weil ich nach ein paar seiner Habichtfedern fragen wollte. Er war nicht zu Hause, die Frau sagte mir, aber er käme in drei Minuten. Ich fragte woher sie das wisse woraufhin sie sagte, dass ihr das der Habicht mitgeteilt hätte. Der Falkner hatte einen VW Passat, einen Wagen, den es sicher hunderte Mal in der Region gab, trotzdem erkannte der Habicht sicher genau dieses Fahrzeug, oder er nahm auf andere Art und Weise den nahenden Falkner wahr.

 

Manche Tierarten sind schwer zu beobachten, ihr Verhalten ist sehr fein, sie sitzen vielleicht häufig im Gebüsch, wie etwa ein Zaunkönig. Wale, Delfine, Papageien, Elefanten sind vom Image her positiv besetzt, haben eine hohe Akzeptanz und sind gut zu beobachten. Ich halt es für möglich und wahrscheinlich, dass alle Vögel eine ähnliche Bandbreite an Intelligenz haben, genau die, die sie brauchen für ihr Wesen und ihren Lebensraum.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Es gibt widersprüchliche Aussagen über die Gefühlswelten von Tieren. Bei Vögeln gibt es Berichte über trauernde Krähen und Papageien, ich selbst habe mit einem Freund eine stille, nicht flüchtende Ringeltaube nur ein paar Meter entfernt von uns beobachtet, als wir an einem Waldrand eine frisch vom Habicht gerissene Taube gefunden haben. Was sagst du zu dem Thema?

 

Wir sind häufig überheblich und auch sehr schnell damit, tierisches Verhalten als vor allem instinktiv zu bezeichnen. Vielleicht dient aber auch diese Sichtweise dazu, uns zu ermöglichen, mit Tieren weiter so umzugehen wie wir es tun. Tiere haben vielfältige Fähigkeiten und Kompetenzen, sie leben in ihrer eigenen Welt, häufig mit sozialen Systemen, empfinden auch Angst, Trauer, Glück oder Wut. Wir machen aus meiner Sicht oft den Fehler, bei solchen Verhaltensweisen die Frage zu stellen, in wie weit die Tiere etwas so gut können oder so machen wie wir. Ein Rabe oder ein Wolf ist nicht so klug oder einfühlsam wie ein Mensch, sondern wie ein Rabe oder ein Wolf.

 

Ich hatte eine berührende Begegnung mit Bachstelzen. Ich habe eine tote Bachstelze auf der Straße gefunden und wollte sie aufheben und wegtragen, weil ich es nicht mag, wenn Autos da immer wieder drüberfahren. Da bemerkte ich eine zweite Bachstelze, die am Straßenrand saß. Etwa eine halbe Stunde lang habe ich beobachtet, wie sie immer wieder zu dem toten Vogel flog, diesen anstieß und vorsichtig an den Federn zupfte, wie um ihm aufzuhelfen oder ihn zu animieren mitzukommen.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Du hast viel Zeit mit Vögeln verbracht und zu Beginn unseres Gespräches von feinstofflicher Kommunikation gesprochen. Ich kenne es von mir selbst und auch einige Geschichten von anderen: Gibt es deiner Meinung nach Verbindungen zwischen Menschen und Wildtieren?

 

Es gibt auf dieser Erde auf jeden Fall mehr als uns in der Schule vermittelt wurde. Ich habe häufig erlebt, dass Dinge passieren, die eigentlich nicht möglich sind, aber trotzdem geschehen. So etwas wird möglich, wenn ich ein Tier richtig kennenlerne. Ich gehe dorthin wo das Tier wohnt, bin einfach da, höre zu, versuche sein Verhalten zu verstehen, seine Interessen und sein Abläufe über den Tag und das Jahr. Irgendwann wird das Tier mich auch beobachten, dann entsteht Kontakt. Wichtig ist, richtig zuhören zu können, ohne direkt zu kommentieren oder interpretieren.

 

Ich habe von einer Wolfsforscherin gehört, die in Alaska das Verhalten  von Polarwölfen untersuchen wollte. Sie erzählte, wie sie viele Wochen lang mit ihrem Schneemobil die Region abgesucht hat. Das einzige was sie fand waren die Spuren der Wölfe, manchmal sah sie sie, aber immer nur kurz und aus großer Entfernung. Sie saß dann schließlich frustriert auf ihrem Schneemobil und wollte aufgeben, da standen die Wölfe mit einem Mal in relativ kurzer Distanz hinter ihr. Sie hatten sie die ganze Zeit über beobachtet und hatten nun Lust Kontakt aufzunehmen. Von da an konnte die Forscherin, den Wölfen problemlos im Abstand von 200-300m folgen. Solche Arten der Begegnung habe ich selbst oft erlebt.

 

Wir sind für die Tierwelt die größte Bedrohung, die Konsequenz ist, dass sie flüchten. Da ist eine riesige grasende Kuh, direkt vor ihrem Maul hüpfen Stare umher, die wissen, dass die Kuh ungefährlich ist. Wir gelten im Tierreich als gefährlichstes Raubtier. Allein unsere Anwesenheit an dieser Stelle würde beim Star für Unruhe und Flucht sorgen. Wenn du dich respektvoll bewegst, Frieden ausstrahlst, merken die Tiere „der ist anders, der scheint nicht gefährlich zu sein“ und verlieren vielleicht mit der Zeit einen Teil ihrer Scheu.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Wie wirken wir auf die Vögel?

 

Wir können viel Störungen in der Natur vermeiden, wenn wir uns respektvoll, mit friedlichen Absichten und langsam fortbewegen. Siehst du einen Vogel, drehst dich zu ihm und starrst ihn an, kann das für ihn schon bedrohlich sein, du fokussierst ihn mit deinem Blick. Was du denkst, deine Stimmung und deine Absichten gehen in Körpersprache über. Die Vögel können dies außergewöhnlich gut lesen. Darüber hinaus gibt es auch eine energetische Ebene, auf der Kommunikation stattfinden kann, Vögel sind da sehr feinfühlig. Für dich selbst ist es wichtig eine gute Präsenz, ein Bewusstsein für dich und deinen Körper zu haben, dann ist die Wahrnehmung für die Umgebung am besten.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Wieder die Krähenvögel, hier sind zahlreiche soziale Interaktionen dokumentiert, wie ist das bei anderen Vögeln?

 

Vögel sind ein weites Feld. Das Volk des Rotkehlchens, das der Steinadler, das der Schneegänse – alle sind anders. Haussperlinge verlassen nicht die Gegend in der sie aufgewachsen sind. Schwalben kommen immer wieder an den heimischen Brutplatz zurück, ich wette in beiden Fällen, dass die Vögel sich nach Jahren noch kennen und interagieren. Jeder Vogel hat seine eigene Prägung, sein Erfahrungswissen und seinen individuellen Charakter. Vieles davon sehen wir aber nicht, weil wir nicht alles wahrnehmen, was für Vögel wichtig ist: UV-Licht, polarisiertes Licht, da haben wir keine Idee wie sich das anfühlt, wie es genutzt wird von verschiedenen Tieren.

 

Wir wissen nicht wie ein Adler, ein Zaunkönig oder ein Uhu sieht. Mittlerweile gibt es mehr Menschen, die auf dem Weg sind, die Tier- und Pflanzenwelt als mystischen Raum zu sehen, also als etwas, wo wir vieles nicht wahrnehmen und erklären können. Mir ging es so mit meinem Buch: Ich habe einen neuen Raum betreten, wusste nicht wie ich meine Themen packen, sie transportieren sollte, da poppten auf einmal überall die verrücktesten Geschichten auf.

Foto: Bärbel Franzke
Foto: Bärbel Franzke

 

Eigentlich wissen oder ahnen viele Menschen, dass da mehr ist als wir in der Schule gelernt haben?

 

Vogelsprache ist nichts Neues. Seit es Menschen gibt, haben Menschen gesehen, gehört, dass Tiere miteinander kommunizieren. Sie mussten die Natur verstehen um zu überleben. Wissenschaft baut auf diesem alten Wissen auf: Bioindikatioren, Verhaltensbiologie oder die Vernetzung der Tiere in der Landschaft – so beschäftigt sich der Wissenschaftler mit Facetten dieser Thematik. Was relativ neu ist, ist eine steigende Akzeptanz, Tiere als Wesen, als Individuen zu erkennen und zu respektieren. Wenn ich mir diese Sicht zu Eigen mache, wird für mich jeder Sperling und jede Amsel immer wieder aufs Neue interessant und vielleicht ein wildes Wunder.

Wer mehr Informationen über Ralph und seine Veröffentlichungen, Seminare und Touren haben möchte, schaut am besten auf seiner Homepage nach. Vielen Dank Ralph, für die schönen Stunden bei dir in Sonthofen.